Lehmziegelmauern

Wir sind früh auf den Beiden, essen Zmorgen und packen zusammen. Der Bub von gestern kommt mit seinem Vater vorbei. Die beiden wollen erneut wissen, weshalb wir nicht bei Ihnen übernachtet haben. Ich versuche zu erklären, und lobe mit meinen arg beschränkten Fähigkeiten im Russischen die guten Englischkenntnisse des Sohnes. Der Vater strahlt bis über beide Ohren. Er kramt einen Quarz und einen Bohrkern hervor und fragt, ob diese wertvoll sind. Wir müssen ihn enttäuschen. Die beiden verschwinden um kurz darauf mit einem Hut voller frisch gepflückter Aprikosen wiederzukommen. Dankbar nehmen wir diese feinen Leckerbissen an.

 

Kurz nach Abfahrt machen wir schon Pause und zwar beim ersten historischen Highlight: Festung Qahka bei der Ortschaft Namadgut-i Poyon. Die Festung geht zurück auf das Kuschana-Reich (Datierung wohl schwierig, ca. 1-3. Jh. n. Chr.). Philipp bleibt erst bei den Velos und ich erklimme den Hügel, schiesse zahlreiche Fotos mit meinen beiden Kameras. Vom höchsten Punkt hat man einen herrlichen Rundblick über das Tal und auf die rund 600 x 200 m grosse Festungsanlage. Bald darauf kommen weitere Touris. Die dürfen aber nicht mehr ganz rauf. Offensichtlich hat die Festung auch heute noch eine militärische Funktion, die Anlage ist aber nicht als Militärgelände ausgewiesen. Die gut getarnten Posten sind mir nicht aufgefallen. Alle müssen ihre Fotos zeigen, ich weise eine Kamera vor, die Bilder werden kurz durchgeschaut und darf passieren. Unten ist inzwischen der Verkaufsstand geöffnet mit Handarbeiten aus der Region. Wäre ich nicht schon so beladen, hätte ich etwas gekauft.

 

In Shitkarv können wir unsere Vorräte in einem grossen Geschäft auffüllen: neben DVD-Raubkopien gibt es Cola, Fanta und Bier. Ein älterer Herr hat sich etwas gar nah neben mich gesetzt und gefragt, ob er auch etwas Fanta dürfe. Ich reichte ihm die Flasche. Er hatte zweimal versucht, seine Hand auf mein Bein zu legen. Beim ersten Mal habe ich diese bestimmt weggeschoben und bin weiter weggerückt. Beim zweiten Mal aufgestanden und zu meinem Velo gegangen. Wenig später kamen zwei Polen, beide auch mit dem Velo unterwegs. Die beiden sind in die gleiche Richtung unterwegs, haben aber bereits eine anspruchsvolle Strecke hinter sich: Osh – Bartang – Khorog – Wakhan – und wieder Osh ist das Ziel. Sie hat Bauchweh, konnte die letzten Tage kaum was essen, ihre Kräfte neigen sich dem Ende entgegen. Ich übergebe ihr meine letzten drei Traubenzucker, die sie dankbar annimmt. Wir wollen kurz nach Shitkarv biwakieren, müssen aber einsehen, dass dort, wo es Orte auf der Karte hat, es durchaus noch einige wenige Biwakmöglichkeiten gibt. Die leeren Flecken zwischen den wenigen Dörfern bedeuten, dass es eben keine Möglichkeiten zum Biwakieren gibt. Die riesig breiten Flussfächer sind beeindruckend, die Landschaft atemberaubend schön. Dort, wo es halbwegs geeignet ist zum Wohnen, hat es Dörfer, die Gegend zwischen den Schwemmfächern sind menschenleer. Der Himmel verdunkelt sich. Die Strasse wird anspruchsvoll. Der Rückenwind dafür immer stärker. Ein Baustellen-Schild weist darauf hin, dass der nächste Abschnitt im Umbau ist. Nun hat es auch noch grosse, lose Steine. Anstrengend. Nachdem wir diesen Abschnitt gemeistert haben, machen wir kurz Halt, um die Aussicht zu geniessen. Zu Fuss kämpfe ich mich seitlich zum Wind zu einem Aussichtspunkt vor. Auch das ist eine Herausforderung. Die Aussicht ist toll, aber ein Zelt hier irgendwo aufzustellen, undenkbar. Endlich gelangen wir in ein weiteres Dorf. Wir fahren an einem Schrein, bestehend aus einer Einlassung in der Wand mit einem Steinbock-Geweih drin, entlang, als gerade eine Frau vorbeischreitet. Sie verneigt sich kurz davor. Zwischen einer Weide und einem Feld finden wir einen halbwegs geschützten Platz. Der Wind ist hier nicht mehr so stark, so dass sich die Stechmücken fröhlich tummeln können. Die Päcklisaucen bewähren sich sehr. Ein Mann schaut kurz vorbei und fragt ob alles in Ordnung ist. Ja, ist es – zum Znacht gibt es Nüdeli mit Rahmsauce!