Der Mann im Blumenmeer

Wir verlassen frühmorgens das Hotel am blauen See, das aus Sowjet-Zeiten stammt und dementsprechend im Schuss ist. Morgens um fünf hat es angenehme 22°. Auf steinigen Wegen geht es kurz nach Dämmerung los. Wenig später komme ich diesen Steinen näher als mir lieb ist. Ich schaffe es nicht rechtzeitig mit einem Fuss aus der Klickpedale und kippe wie ein Kartoffelsack seitlich zu Boden. Der Sturz verläuft zum Glück ohne ernsthafte Verletzung, ausser einer kleinen Schnitt- und Schürfwunde habe ich trotz des harten und steinigen Untergrunds keine Verletzung davongetragen (Monate später stellt mein Physiotherapeut zwar ein verschobenes Becken fest, aber das ist eine andere Geschichte). Bald sehen wir mehr vom Himmel, das Tal weitet sich, die Bergflanken sind weniger steil als am Tag zuvor. In der Ebene sehen wir erstmals ein Minen-Warnschild. Es schaut schon ziemlich mitgenommen aus. Ob es noch Gültigkeit hat wollen wir trotz der zahlreich weidenden Kühe und Schafe nicht rausfinden und bleiben auf der sicheren Strasse resp. auf dem Kiesweg. 

Nach einigen Stunden im Sattel neigen sich meine Energiereserven dem Ende zu. Als wir einen kleinen Dorfladen erblicken, legen wir einen Zwischenstopp ein. Fein säuberlich aufgereiht stehen die einzelnen Produkte auf wenigen Regalbrettern zum Verkauf bereit. Es hat alles, was mein Herz begehrt: Pepsi und Snickers! Hinter dem Tresen blickt mich ein Herr freundlich und neugierig an. Er fragt woher wir kommen und wohin wir fahren und kommt auch nach draussen. Dort hat sich bereits ein weiterer Mann zu Philipp gesellt. Neugierig werden unsere Velos bestaunt. Erstmals fällt jemandem mein Riemen auf. Für viel mehr als «choroscho» und Daume hoch, reicht es leider nicht. Wäre schon gäbig, wenn man diese Sprache wirklich beherrschen würde und sich mit den Menschen richtig unterhalten könnte! Wenig später begegnen wir einem rennenden Mann in Trainerhosen und Schweiss-Stirnband. Ich schaue ihn völlig entgeistert an und realisiere als wir schon vorbei sind: das ist ein Jogger!

Die erste etwas grössere Siedlung, die wir durchfahren, ist Childara mit einer schmucken Moschee aus Backsteinen. Kurz vor dem Ort fahren wir an einer gefassten Quelle vorbei. Nach dem Mittag machen wir Halt in Tavildara und kaufen Guetzli, Gurken und Süssgetränke ein. Frischprodukte hat es in den Geschäften selten. Das haben die Leute wohl selbst. Hier erreichen wir ein Hochtal, der Fluss ist nicht mehr zwischen engen Felswänden eingezwängt und wir machen am Schatten oberhalb des Flusses eine späte Mittagspause.

Wir schaffen es auf die Höhe von 1850 m, so wird der lange Anstieg am nächsten Tag etwas weniger lang. Nach dem Dorf Inkuh finden wir auf einer Weide einen schönen Biwak-Platz, wo wir den Sonnenuntergang bei Nüdeli mit Sauce geniessen können. Früh kriechen wir in den Schlafsack, morgen wartet Grosses resp. Hohes auf uns.

Distanz: 62 km von Blue Lake nach Inkuh

rauf: 720 Höhenmeter

runter: 400 Höhenmeter

Temperatur: endlich angenehm

Strasse: naja

Highlights: Abendstimmung im Hochtal